Der Taiji-Weg

Taiji heisst sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken, den Fokus vom Aussen aufs Innere zu lenken und dadurch ungeahnte Zusammenhänge des Lebens und des Selbst zu erkennen.

Mit anderen Worten, Du folgst Deinem inneren Stern und machst Dich auf zu Deinem eigenen höchsten Selbst.

Du folgst dem DAO

Schon zu Beginn lernen wir in dieser Bewegungskunst, die äusseren Sinne, durch neue – bisher unbekannte  innere Sinne – zu ersetzen. Die Konzentration auf die fliessenden langsamen Bewegungen gepaart mit einer bewussten Atmung beruhigt den ständigen Gedankenfluss und lässt uns die Emotionen besser kontrollieren.  Das rhythmische Aktivieren und Loslassen, dehnen und ent-dehnen der Muskeln erhöht die Sauerstoffaufnahme und bewegt Blut, Lymphe, die Körperflüssigkeiten und den Energiefluss, und führt mit der Zeit zu einem elastischen Körper, der die Kräfte aufnehmen und abgeben kann, ohne sich zu verspannen. Das beruhigen der Gedanken und das entspannen der Muskeln ist aber bei Weitem nicht das Einzige, was wir im Taiji lernen; es ist erst der Beginn des Weges!

Wir tauchen alsdann in immer tiefere Schichten des Geistes  ein mit einer vertieften Wahrnehmung. Eine innere Verfeinerung, die keine Ende findet setzt ein, das Ziel ist in unserer Seele verborgen .

Der Weg beginnt im Aussen und führt unendlich tief  ins Innere.

Mein Unterricht umfasst:

  • Die  5 Loosening Exercises von Master Huang. Diese bilden die Grundlage der inneren Verfeinerung. Mit diesen Übungen beginnen wir.
  • die Kurzform von Cheng Man Ching,
  • die von Master Huang verfeinerte lange Form der Yang Familie,
  • Partnerübungen. (Push Hands/Tuisho)
  • Meditation oder meditative Übungen integriere ich schon zu Beginn ins Training.

Das Training beinhaltet das Kultivieren der Energie in den drei Körper-zentren, Erde, Mensch, Himmel.  Wir bauen die  körperliche Energie „Jing“  auf und transformieren sie zu „Chi“, der  tief emotionalen Energie,  wie auch zur himmlischen Energie – Shen.

Illustration mit Genehmigung von © Patrick Kelly (www.patrickkellytaiji.com)

Grundlagen

Bevor die Welt entstand (vor dem Urknall) gab es die absolute Leere, das grosse Nichts. Diese Leere benannten die frühen chinesischen Philosophen «Wuji». Aus diesem absoluten Nichts entstand die Welt der Polaritäten, die nur dank der Spannung beider Pole von Plus und Minus existiert. Diese beiden Kräfte wurden mit Yin und Yang benannt.

Diese Kräfte wirken im Kleinsten Atom, wie auch in den grossen Gezeiten. Wo Yang ist, da ist auch Yin und umgekehrt. Auch die traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat das Ziel mit ihren Mitteln diese zwei Pole zu harmonisieren. Gesundheit bedeutet, dass diese Kräfte in Harmonie sind. Ein Zuviel an Yin wird mit Yang ausgeglichen und umgekehrt, dafür nehmen sie verschiedene Hilfsmittel wie Akupunktur, Moxa, Kräuterarzneien, Chi Gong zur Hilfe.

Taiji benennt man mit dem «Höchsten Letzten» oder dem «Absoluten», dem «Alles was ist». Im Taiji kommt die oben erwähnte philosophische Grundlage ebenso zur Anwendung, denn der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein Abbild der Natur resp. des Universums.

Alle interessierten Lernenden, welche unter korrekter Anleitung trainieren werden bald erfahren, wie sich ihr Körper verändert,  die Emotionen sich beruhigen und die Wachheit des Geistes zunimmt. Die harten Körperstrukturen werden dabei elastischer.

In jungen Jahren ist unser Körper weich und elastisch, im Alter werden wir zunehmend steifer.

Taiji bedeutet, diesen natürlichen Prozess zugunsten der Weichheit und Elastizität zu verändern. Wir alle werden älter, aber mit Taiji wird das Älter werden erleichtert. Die  gesundheitlichen Vorteile sind längst auch von der Wissenschaft und den Ärzten erkannt worden.

Taiji als Kampfkunst

Taiji ist eine Kampfkunst, bei der die Natürlichkeit und Balance zwischen Yin und Yang als oberstes Prinzip dasteht.

Eine offensive Kraft wird somit nicht wie in anderen Kampfkünsten blockiert und gekontert. Der Angriff wird eher durch ein subtiles Nachgeben neutralisiert. Wo „Yang“ auftritt, begegnen wir mit „Yin“, wo die Kraft «voll» ist, begegnen wir ihr mit «leer».  Wir  bieten keine Angriffsfläche an! Nach dem Neutralisieren wird die Kraft aufgenommen und in kleineren oder grösseren Kreisbewegungen mit der elastische Körperstruktur, welche wir im Taiji erarbeiten, umgelenkt.

Diese Art der Fertigkeit ist nur durch langjähriges Training erreichbar.

Die Weichheit im Taiji wird oft missverstanden, weil die innere Kraft, das „Chi“, das wir durch die Taiji Übungen kumulieren, nicht sofort erkannt wird.  Äusserlich sind wir ruhig und langsam, innerlich sind wir konzentriert und fokussiert und generieren für den Aussenstehenden nicht sichtbare Kräftewellen im Körper. Der physische Körper wird dabei  immer durchlässiger und wird weich wie Wasser. Die Kräfte, die wir anwenden haben nichts gemeinsam mit  äusserer Muskelkraft. Während in den äusseren Kampfkünsten wie Karate die  Muskeln, Knochen, Kraft und Schnelligkeit trainiert werden, kultivieren wir beim authentischen Taiji die innere Energie.

Die Art und Weise, wie man Taiji trainiert, macht den Unterschied ob wir nur langsame Bewegungen trainieren, ähnlich einem Tanz, oder ob wir die innere unbezwingbare Kraft aufbauen.

Taiji, als Weg zur inneren Entwicklung

Ein menschliches Wesen, das fühlt, dass er mehr  als der physische Körper ist und sich aufmacht seine geistige Heimat zu suchen, steht oft vor der fast unlösbaren Frage, welche spirituelle Richtung er einschlagen soll. In früheren Zeiten wurde dieses Wissen geheim gehalten und nur ausgewählten Gruppen zugänglich gemacht. Heute finden wir Spuren des menschlichen Erwachens in jeder Kultur und es gibt viele Lehrer, die vorgeben einen Weg zu kennen. Die Buchläden sind voll von esoterischen Büchern und doch ist es für den ernsthaft Suchenden kaum möglich einen geeigneten Weg zu finden.

Meine eigene Erfahrung zeigt mir, dass das Gesuchte dem Suchenden gegeben wird, wenn er in sich den Willen ernsthaft aufgerichtet hat.

Anders als bei anderen Taiji Richtungen, werden bei unserer Schule die körperlichen Übungen nicht als Endzweck geübt.

Master Huang prägte den erstmals etwas irritierenden Satz: «Taiji ist nicht wichtig» und meinte damit, dass das körperliche Taiji nicht wichtig sei. Viel wichtiger ist die innere Entwicklung, die durch ein korrektes Training erlangt wird. Da der Mensch ein Körper-, Energie- und Geistwesen ist, kann die innere Entwicklung, die im Körper und dem Energiefeld beginnt, unendlich vertieft werden. Das korrekte Üben der Form, mit vertiefter Geistes Wahrnehmung bewirkt ein Ansammeln der Energie (Jing) im unteren Körperzentrum. Diese Energie erhöht die Vitalität und die Gesundheit des Körpers und führt zu immensen inneren Kräften. Um daraus einen unverlierbaren Gewinn zu erhalten, müssen diese Kräfte auf höhere Stufe transformiert werden. (Chi, Shen) Die anfängliche Körperenergie wird also genutzt um auch tiefere Schichten zu erreichen. Der spirituelle Weg beginnt im physischen Körper, führt über die Seele zum Geist und den höheren geistigen Energien.  So bekommt der Satz «Taiji ist nicht wichtig» seine klare Bedeutung.  (siehe auch Illustration «Deep Mind Sphere»)

Hat sich der Mensch über alle (9) inneren Stufen entwickelt, d.h. wenn er unter dem Einfluss des Deep Mind steht, ist er soweit vorbereitet,  dass er als Empfänger für die höheren Energien vorbereitet ist, welche jedem Menschen nur von Innen zugänglich werden.